Monatsarchiv: Mai 2012

Prozess-Reifegrad – Maturity Level im Vergleich

Da Prozessmanagement mittlerweile eine anerkannte Grundlage ist für Qualitätsmanagement, viele Compliace Themen, viele Bereiche des Risikomanagements und überhaupt gerne im Zusammenhang von Umstrukturierungen, Harmonisierungen und des Requirements Engineerings eingesetzt wird, wird jeder Manager auf die Frage „Betreibt Ihr Prozessmanagement?“ mit „Ja, natürlich.“ antworten.

Um diese – erstmal einfache – Antwort zu verifizieren und um eine Einschätzung des Grades der Umsetzung zu geben, dient die Bestimmung des Prozessreifegrads bzw. ein Maturity-Check für Prozesse.

In den letzten Jahren haben sich hierfür diverse Standards entwickelt. Hier ein kurzer Überblick über die bekanntesten Prozessreifegrad-Modelle:

  1. CMMI – Capability Maturity Model Integration:
    CMMI ist kein einzelnes festdefiniertes Modell, sondern eine Sammlung von organisationseinheits-spezifischen Vorgehenssammlungen zur Bestimmung eines Prozessreifegrades (Maturitycheck). Entwickelt für die Reifegradbestimmung von Softwareentwicklungsprozessen ist CMMI heute in den Entwicklungsabteilungen der deutschen Automobilindustrie der Standard. Mittlerweile gibt es eine etwas breite Palette an Bereichen (Einkauf, Servicing, Projektmanagement, etc.) deren Reifegrad mit  den von CMMI gestellten Mitteln bestimmt werden kann. CMMI legt aber sehr starken wert auf eine fachlich-/ sachliche Auditierung des Prozesses. Dementsprechend können Prozesse, für deren Thema es keine „Vorlage“ gibt auch nicht auditiert werden. Eine konzernweite Einführung ist demnach nicht möglich (jeweils nur in den von CMMI abgedeckten Bereichen). Die Skala reicht hierbei von Reifegrad 1 – chaotische Organisation bis zum Reifegrad 5 – gelebte kontinuierliche Verbesserung. Die Standardisierungsorganisation ist die Carnegie Mellon Universität, Pittsburgh – USA;
  2. PEMM – Process Enterprise Maturity Model:
    PEMM wurde Mitte der 90er Jahre am MIT unter der maßgeblichen Leitung von Prof. Michael Hammer entwickelt und stellt den genauen Gegensatz zu CMMI dar. PEMM ist zur generischen Prozessreifegradbestimmung auf jeglicher Art von Prozess geeignet und misst dementsprechend eher die Prozess-Awareness des Managements und ein strukturiertes Vorgehen im Sinne des Prozessmanagement. Ist sich das Management der Prozesse bewusst, sind die Process Owner auch Budget verantwortlich, werden Prozesse gelebt und in KPIs festgehalten etc. Die Reifegradskala reich bei PEMM von „0- Kein Prozess / Zufallsprinzip“ bis zu „4 – Prozesse werden gelebt und permanent optimiert und sind unternehmensweit und bis zu den Lieferanten / Kunden vernetzt“. Insbesondere in den USA ist PEMM weit verbreitet. Der Standard wird von dem von Prof. Hammer mit gegründeten Beratungsgesellschaft Hammer and Company definiert. Hier findet sich eine schöne, detailiertere Beschreibung von PEMM. Hier gibt es einen sehr rudimentäres PEMM online Assessment, das aber einen guten Eindruck von der Art der Fragestellung vermittelt.
  3. ISO 15504 (SPICE):
    Ein auf die Software Entwicklung spezialisiertes Prozessreifegradmodell, das sich aus CMMI und Bootsrapping entwickelt hat und in Form einer ISO Norm im Rahmen eines Maturityaudits zertifiziert werden kann.
  4. EDEN Reifegradmodell:
    Vom deutschen BPM-Club entwickeltes Vorgehen, das anhand von 158 Einzelkriterien, die in 9 Dimensionen zusammengefasst werden der mit ausführlichen Fragenkatalogen ähnlich zu PEMM auf die Management-Awareness und die Frage wie stark BPM im Unternehmen gelebt wird abzielt. Die Bewertungsstufen sind, Chaotisch, Ansatzweise, Fortgeschritten, Durchgängig,
    Gesteuert und Nachhaltig. EDEN ist ein kontinuierliches Vorgehensmodell, bei dem nicht nur der As-Is BPM-Status in den Reifegrad mit eingeht, sondern auch der angestrebte Erfolg. Wie PEMM ist EDEN sowohl auf Organisationsebene als auch auf Prozessebene einsetzbar und definiert in Anlehnung an den „Garten Eden“ die vier Matrix-Reifegrade „Sumpf – kein Prozess“ über „Wiese“ und „Feld“ bis zum „Garten – gelebte Prozesse“, die anhand von Punkteskalen 1-100 gemessen werden. Die Standardisierungsorganisation ist der BPM Maturity Model eden e.V.
  5. 8 Omega / ORCA:
    Der 8 Omega-Maturity-Check ist ein einfacher – auch in Form eines Selbstassesment -durchführbarer Reifegradtest, mit dem man eine schnelle Übersicht über den aktuellen Prozesstatus erhalten kann. Ganz grundsätzlich werden nur 8 Multiple Choice Fragen, mit je 9 Antworten (Level 0-8) beantwortet. Die Fragen und Antworten sind natürlich sehr allgemein. Für eine erste Einschätzung des aktuellen Standes ist dieses Vorgehen aber sehr gut geeignet, da es ohne weitere Vorbereitung und Schulung kurzfristig durchgeführt werden kann. Entwickelt und definiert urde 8 Omega von der BPT-Group. Alle nötigen Informationen für einen Quick-Check finden sich in einem schönen Foliensatz (die Fragen und Antworten sind auf Seite 19)
  6. BPMM – Business Process Maturity Model:
    Das Maturity Modell der OMG (Object Management Group). Der Standard ist ausserhalb der USA weitestgehend unbekannt, bietet aber auf Grund seiner hohen Transparenz (man kann ihn hier kostenlos downloaden) eine gute Grundlage für Firmen, die einen Standard auf die eigenen Bedürfnisse anpassen wollen. Der eigentliche Standard ist sehr umfangreich, das liegt aber u.a. daran, dass er auch den Vorgang der Zertifizierung in hohem Detail beschreibt. BPMM unterscheidet zwischen 30 verschiedenen Prozessklassen wie z.B. („Defect and Problem Prevention„, „Product and Service Deployment“ oder „Work Unit Configuration Management„) und passt die Reifegradprüfung dementsprechend an den zu Prüfenden Prozess an, generell ist BPMM aber dennoch ein generischer Standard (im Gegensatz zu CMMI), der keine fachliche Prüfung von Prozessen mit sich bringt. Es ist zwar möglich, den Standard an domänenspezifische Bedingungen anzupassen, die Anpassung muss jedoch vom Process Owner durchgeführt werden und gibt ihm damit lediglich die Möglichkeit ein sinnvolles Abweichen vom rigiden Standard für seinen Prozess zu begründen. Die Reifegrade reichen in BPMM von „1 – Initial“ bis „5 – Innovating„;

Author: Dr. Levin Brunner
Dr. Brunner studierte an der TU München Informatik, promovierte in Computerlinguistik an der LMU im Bereich Semantic Web und ist seit mehreren Jahren als Berater im Prozess- und Qualitätsmanagement tätig. Er hat sich in verschiedenen Projekten mit der Evaluation passender Best Practices und Standards beschäftigt und befasst sich intensiv mit den Themen Compliance, Business Intelligence sowie Knowledge und Information Management.

Bei Fragen, Anregungen und Kommentaren können Sie sich auch gerne direkt an an Author Dr. Brunner wenden: brunner@q-4.biz

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